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Shape the World: Die gebaute Welt gestaltet unsere Gesellschaft

Gebäude sind mehr als die – mehr oder minder – planvolle Anordnung von Materialien. Sie spiegeln unsere Beziehungen zueinander wider und zeigen, wer wir sind und wie wir als Gesellschaft gerne wahrgenommen werden wollen.

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Nemetschek Group
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Kult(ur)stätten und Architekturikonen: Wie Gebäude unsere Werte und unser Denken widerspiegeln

Was verbindet den Eiffelturm in Paris, das Parthenon in Athen und den Burj Khalifa in Dubai? Sie sind ikonische Gebäude, Kult(ur)stätten und zählen zu den meistbesuchten Orten weltweit. Auch die beiden Türme des World Trade Centers in New York zählten dazu. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme des World Trade Center am 11. September 2001 haben sich in unserem kollektiven Gedächtnis festgesetzt: Kein Gebäude symbolisierte den westlichen Kapitalismus und die Globalisierung derart anschaulich.

Diese vier Beispiele zeigen: Gebäude sind viel mehr als aufgeschichtete Steine, Beton, Stahl, Holz oder Glas. Sie umgeben uns permanent und bestimmen das alltägliche Leben und unsere Wahrnehmung. Bei ihrer Gestaltung sind allerdings meist nur wenige Berufsgruppen eingebunden: Architekt*innen, Stadtplanende und Ingenieur*innen. Dabei verkörpert nichts die ökonomischen, sozialen und kulturellen, aber auch geschlechterpolitischen Besonderheiten der jeweiligen gesellschaftlichen Epoche so sehr, wie ge- und bebauter Raum.
Insbesondere die Architektur, die schon in der Antike als „Mutter aller Künste“ galt und auf den drei Prinzipien Stabilität, Nützlichkeit und Schönheit beruhen sollte, zeichnet sich durch Verbindungen in andere Disziplinen, wie Musik, Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften aus: Die Harmonielehre der Musik war Inspiration für die Proportionslehre der Bauenden der Renaissance, die farbpsychologische Wirkung bei Gebäuden und deren Inneneinrichtung dient heute als Basis für die entsprechende Gestaltung von Gebäuden. Die Soziologie und ihre Analysen zur Interaktion zwischen Menschen zeigt, wie mittels gestalteter und gebauter Räume zwischenmenschlicher Kontakt erschaffen – oder auch unterbunden werden kann und die Rechtswissenschaft und ihre zahlreichen Vorschriften zum Baurecht und zur Sicherheit bilden weitere Verknüpfungen zur Architektur. Nicht nur der Beruf des*r Architekt*in muss also zwischen verschiedenen Disziplinen, und während des Bauprozesses auch zwischen verschiedenen Gewerken vermitteln, sondern auch die entstehenden Gebäude selbst nehmen eine Vermittlerrolle ein: Zwischen ihren Bewohner*innen, Außenstehenden, den unterschiedlichen Schichten einer Gesellschaft und zwischen verschiedenen Gesellschaften. Sie sind mit kultureller Bedeutung aufgeladen, inspirieren und können Impulsgeber sein sowie Stellung nehmen.

Man denke nur beispielsweise an die wenig einladenden Sozialbauten im Frankreich und Deutschland der Sechziger- und Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Diese wurden bewusst außerhalb der Stadtzentren errichtet, mit minderwertigen Materialen und wenig einladendem Design. Sie sollten funktional sein – und vor allem nur für einen begrenzten Zeitraum bewohnt werden. Heute dienen sie als Negativbeispiel für gescheiterte Integration – nicht nur aus Sicht der Bewohnenden, sondern auch für eine Gesellschaftsschicht und die damals vorherrschende Integrationspolitik. Das Problem ist insbesondere in Frankreich so dramatisch, dass Bewohnende aus einer „banlieue“ (einem Vorort) bei Stellenausschreibungen von systematischer Nichtberücksichtigung berichten. Heute würde man diese soziologische und architektonische Herausforderung wohl gänzlich anders lösen.

Ganz gegensätzlich verhält es sich mit einer regelrechten architektonischen Ikone: Dem Eiffelturm in Paris. Seinerseits galt das „Monstrum aus Metall“ als höchst umstritten – und hässlich. Man fürchtete sogar um das Ansehen der französischen Hauptstadt und forderte seinen Abriss. Die Forderungen regten sich besonders in der Schicht der Künstler*innen und Intellektuellen. Heute hingegen ist der Eiffelturm das Symbol Frankreichs, eines der Wahrzeichen der Stadt und eines der meistbesuchten Bauwerke weltweit: Mehr als 250 Millionen Menschen besuchten das „Monstrum aus Metall“ seit seiner Eröffnung 1889. Der Eiffelturm hat es geschafft, die Diskussionen um seine Gestalt zu überstehen – und heute erscheint uns die Angst, dass er das Stadtbild verschandele nahezu absurd.

Gebäude haben die Macht, gesellschaftliche Debatten anzustoßen – und sind häufig selbst Gegenstand dieser. Sie repräsentieren die Art und Weise, wie ihre errichtende Gesellschaft die Welt sieht – oder von ihr selbst gern gesehen werden würde. Ein Beispiel dafür: Der Burj Khalifa in Dubai, mit über 800 Metern Höhe das zurzeit höchste Gebäude der Welt. Das Emirat, das durch Erdölvorkommnisse und dessen Förderung zu erheblichem Reichtum gelangt ist, wollte sich mit dem Gebäude selbst ein Denkmal setzen – und sicherlich der internationalen Gemeinschaft auch zeigen, dass man es in die Liga der Reichen, derjenigen, die nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ leben, geschafft hat und nun ein moderner Staat ist, der sich die Errichtung eines solchen Monuments leisten kann. Der Burj Khalifa erzählt allen, wer die Vereinigten Emirate sind – und welchen Platz ihre Bewohnenden in der weltweiten Gemeinschaft anstreben.

Doch manchmal ist es auch das Fehlen von Gebäuden, dass die verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten näher zusammenbringt: Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center rasen und diese in Folge dessen einstürzen, traf das nicht nur die USA, sondern erschütterte die gesamte Welt: Ein Anschlag im Herzen der Stadt, die wie keine zweite Globalisierung, kulturelle Vielfalt und internationale Gemeinschaft widerspiegelt, erschütterte alle rund um den Globus. Die beiden Löcher, die der Einsturz in die Silhouette der Skyline gerissen hat, wurden nicht aufgefüllt, sondern dienen fortan als Erinnerungsort – nicht nur an die zahlreichen Opfer der Anschläge, sondern auch an die Symbolkraft der beiden Türme, die wie kaum ein anderes Gebäude für Fortschritt, Freiheit und eine globale Gesellschaft standen.

Gebäude sind also viel mehr als die – mehr oder minder – planvolle Anordnung von Materialien. Sie spiegeln unsere Beziehungen zueinander wider und ihre grundlegenden Anforderungen sind über die Jahrzehnte unveränderlich geblieben: Menschen suchen in und mit ihnen Schutz, Gemeinschaft und Identität – und erschaffen dies durch und mit Gebäuden. Heute müssen Gebäude für uns als Gesellschaft eine Verantwortung übernehmen, die in die Zukunft reicht und daher mit dem Gedanken an Nachhaltigkeit einhergeht: Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur der Einsatz nachhaltigerer Baustoffe, sondern auch, dass neben dem Aufbereiten der technischen Grundlagen für zukunftsfähige Gebäude(konzepte) auch die ästhetischen, sozialen und kulturellen Werte, die zur Anerkennung von Gebäuden und ihrer Architektur führen, ausgelotet werden sollten. Erst dann können Gebäude entstehen, die von Nutzenden und Passant*innen gleichermaßen geachtet werden, die anderen zeigen können, woher wir kommen, wer wir sind und wie wir als Gesellschaft gerne wären – und so unsere Welt mitgestalten.

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